Das Werk Montezuma

Exponat-Nr. 51: Carlo Galli Bibiena: »Palmenwald«, Bühnenbild zur Festoper L’Huomo / L’Homme, Bayreuth, 1754

Feder in Braun, laviert
48,5 x 65,8 cm
© The State Hermitage Museum, St. Petersburg
Fotografen: Vladimir Terebenin, Leonard Kheifets, Yuri Molodkovets
Inv. Nr. 234


Im Sommer des Jahres 1754 besuchte König Friedrich II. seine Schwester Wilhelmine in Bayreuth. Zu seinen Ehren wurde dort am 19. Juni im Markgräflichen Opernhaus die allegorische Festoper L’Huomo (Der Mensch; Textentwurf: Wilhelmine von Bayreuth, Musik: Andrea Bernasconi) aufgeführt. Wilhelmine hatte für eine besonders prunkvolle Ausstattung gesorgt: Angeblich kostete die Produktion anderthalb mal soviel wie die Orangerie ihres Sommerschlosses Eremitage vor den Toren Bayreuths – ein Zeichen dafür, dass die Theaterarchitektur mindestens genauso ernst genommen wurde wie der Bau von Schlössern. Für eine der Szenen war ein Palmenwald auf der Bühne vorgesehen. Wilhelmines Dekorateur Carlo Galli Bibiena, ein Sohn von Giuseppe Galli Bibiena, hatte dafür den Entwurf gefertigt. Die Geschichte des hier ausgestellten Blattes erzählte 1769 Luigi Crespi, ein Chronist zeitgenössischer Künstler, in seinem Buch Felsina pittrice: Der preußische König sei insbesondere von dem Bayreuther Palmenwald so begeistert gewesen, dass er Carlo gebeten habe, eine Zeichnung davon anzufertigen. Die se Zeichnung habe er dem Vater Giuseppe in Berlin vorgelegt und ihn gebeten, etwas Ähnliches zu entwerfen. Auf diese Weise sei ein Jahr später das Bühnenbild zur ersten Szene von Montezuma entstanden: drei große Gänge mit Palmen. Aus dem überlieferten Inventar der Bühnenbilder (Exp.-Nr. 54 ) geht hervor, dass diese Dekoration besonders aufwändig war: Es sind 82 Kulissenteile und 22 Soffitten verzeichnet. So viele einzelne bewegliche Elemente sind für keine andere Produktion nachgewiesen.
Allerdings waren dies nicht die ersten Palmen auf der Bühne der königlichen Hofoper: Das in unserer Ausstellung gezeigte Inventar der Bühnendekorationen (Exp.-Nr. 45 ) nennt einen »Enceinte des palmiers«, einen »Palmengürtel«, der bereits 1754 für eine Aufführung von Johann Agricolas Oper Cleofide hergestellt wurde, und zwar vom Vorgänger Giuseppe Galli Bibienas, dem Hofdekorateur Innocente Bellavita.
Palmen galten im 18. Jahrhundert als Symbol für Frieden und, in christlicher Sicht, für Auferstehung und ewiges Leben, nicht zuletzt wegen ihrer immergrünen Blätter. Ein zeitgenössisches Lexikon führte die Palme sogar als Sinnbild für Jesus Christus auf. Da lag es nahe, dass auch Herrscher sich gerne mit dieser Pflanze identifizierten.
Kronprinz Friedrich selber bezeichnete seinen Vater einmal in einem Brief als eine »edle Palme«, die um so höher emporschnelle, je tiefer man sie beuge. Er selber ließ sich von Voltaire »Salomon des Nordens« nennen. König Salomon aber, so heißt es im alttestamentarischen ersten Buch der Könige, stattete einen Tempel zur Ehre Gottes mit Palmendekorationen aus. Im Bayreuther Neuen Schloss, das um die Mitte des 18. Jahrhunderts erbaut wurde (übrigens mit einem Kredit von König Friedrich II.), schuf der Schwager Friedrichs II., Markgraf Friedrich von Bayreuth, sich ein Palmenzimmer mit kostbaren Holzintarsien.
Zur Entstehungszeit von Montezuma wusste man in Europa über diese Pflanze so gut wie nichts. Vor allem hatte man keine rechte Vorstellung davon, wie sie aussah. Der berühmte schwedische Botaniker Carl von Linné konnte im Jahre 1753 gerade einmal von neun Palmenarten berichten. So beruht Carlo Galli Bibienas Palmenwald nicht auf der Kenntnis von existierenden Palmen, sondern ist ein Produkt der Phantasie.
Heute unterscheiden Botaniker mehr als 183 Gattungen und 2400 Arten von Palmen.
(Ulrike Eberle / Ruth Müller-Lindenberg)


Online Lesen
Malvasia, Carlo Cesare und Luigi Crespi: Felsina pittrice. Vite de pittori Bolognesi (Che contiente la Prima, Seconda, e Terza Parte). Bologna, 1678. (Tomo Primo)
(e-Ressource der Bayerischen StaatsBibliothek digital )

Malvasia, Carlo Cesare und Luigi Crespi: Felsina pittrice. Vite de pittori Bolognesi (Che contiente la Prima, Seconda, e Terza Parte). Bologna, 1678. (Tomo Primo)
(embedded from Google Books)



Malvasia, Carlo Cesare und Luigi Crespi: Felsina pittrice. Vite de pittori Bolognesi (Che contiente la Quarta Parte). Bologna, 1678. (Tomo Secondo)
(e-Ressource der Bayerischen StaatsBibliothek digital )

Malvasia, Carlo Cesare und Luigi Crespi: Felsina pittrice. Vite de pittori Bolognesi (Che contiente la Quarta Parte). Bologna, 1841. (Tomo Secondo)
(embedded from Google Books)



Literatur
Krückmann, Peter O. (Hrsg.): Das Bayreuth der Markgräfin Wilhelmine (Ausst. Bayreuth 1998). München und New York: Prestel, 1998 (Paradies des Rokoko 1).

Krückmann, Peter O. (Hrsg.): Galli Bibiena und der Musenhof der Wilhelmine von Bayreuth (Ausst. Bayreuth 1998). München und New York: Prestel, 1998 (Paradies des Rokoko 2).

Müller-Lindenberg, Ruth: Wilhelmine von Bayreuth. Die Hofoper als Bühne des Lebens. Köln u. a.: Böhlau, 2005 (Europäische Komponistinnen 2).

Henze -Döhring, Sabine: Markgräfin Wilhelmine und die Bayreuther Hofmusik. Bamberg: Heinrichs-Verlag, 2009.

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