Das Werk Montezuma

Exponat-Nr. 72: Friedrich II. von Preußen: Verzierungen zur Arie »Digli ch’io son fedele« aus der Oper Cleofide von Johann Adolf Hasse

Faksimile
Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz
Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv

DMS 2° 558


Eines der wenigen erhaltenen Musik-Autographe von Friedrich II. befindet sich in der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin (Signatur: Mus. ms. autogr. Friedrich II. 1).
1991 erschien das hier gezeigte Faksimile. Der König hatte zu der Arie »Digli ch’io son fedele« aus Johann Adolf Hasses Oper Cleofide (Dresden 1731) »Veränderungen« geschrieben, also Verzierungs- und Variationsvorschläge gemacht. Zur Praxis des Anbringens von Verzierungen hatte er einen Gewährsmann bei der Hand: seinen Hofkomponisten Johann Friedrich Agricola, der 1751 an den Hof kam. Dieser schrieb 1757 in seiner Anleitung zur Singkunst zur Frage, ob denn der Sänger einer Arie seine Verzierungen improvisierend anbringen oder ob der Komponist sie schriftlich fixieren solle, Folgendes:

»Sänger, welche (...) mit einem erfindungsreichen Geiste begabet sind, haben freylich der Hülfe des Componisten hierinn nicht nötig. Wenn aber nun eine, der willkührlichen Veränderungen fähige, Arie manchem Sänger in die Hände fällt, der bey einem trockenen Kopfe, auch noch dazu von aller Kenntniß der Harmonie entblößet ist (...), würde es nicht (...) weit vortheilhafter seyn, wenn der Componist sich die gütige Mühe genommen hätte, bey der simplen Melodie der Arie, auch zugleich mit dazu zu schreiben, wie sie am geschicktesten, durch willkührliche Veränderungen, ausgezieret werden könnte?« (S.59)

Auch Francesco Algarotti plädierte in seinem Saggio sopra l’opera in musica (zuerst 1755; Exp.-Nr. 19 ) dafür, die Verzierungen nicht der Improvisation der Sängerinnen und Sänger zu überlassen, sondern sie vorzuschreiben.
Carl Philipp Emanuel Bach, der der Hofkapelle von 1741 bis 1768 angehörte, vermerkte auf der Abschrift der Hasse-Arie:

»Die Veränderungen über diese Arie, welche in diesen Bogen eingeschlagen sind, sind von Friderico Magno, König von Preußen in einem raren Originale eigenhändig für Porporino aufgesetzt«.

Friedrich II. schrieb die Verzierungen also für den Darsteller des Cortés in der Montezuma-Uraufführungsserie von 1755. Man kann daran sehen, wie der König selbst mit den am Hofe tätigen Sängern arbeitete, und man kann an der Art der Verzierungen ablesen, worin die besonderen stimmlichen Fähigkeiten und Eigenschaften des Alt-Kastraten Porporino bestanden. Porporino (Antonio Uberti) wurde von Graun nach Berlin geholt, trat dort den Dienst im Jahre 1742 an und blieb bis zu seinem Tod 1783. Friedrich II. komponierte auch Arien für seinen Sänger.
Die Arie »Digli ch’io son fedele« hatte Johann Adolf Hasse für seine Ehefrau Faustina Bordoni, die Darstellerin der ersten Cleofide (1731) geschrieben. Bereits diese »Urfassung« enthält schon Verzierungen, von denen man annehmen darf, dass sie dem stimmlichen Profil der Bordoni entsprachen. Sie selber hatte sich ebenfalls Verzierungen für die Arie geschrieben. Hellmuth Wolff edierte 1972 sowohl diese als auch die von Friedrich II. stammenden »Veränderungen«.
(Ruth Müller-Lindenberg)


Online Lesen
Agricola, Johann Friedrich: Anleitung zur Singkunst. Berlin: Winter, 1757.
(e-Ressource der Bayerischen StaatsBibliothek digital )

Agricola, Johann Friedrich: Anleitung zur Singkunst. Berlin: Winter, 1757.
(embedded from Google Books)



Algarotti, Francesco: Saggio sopra l’opera in musica. Ex donat. Molliana, 1755.
(e-Ressource der Bayerischen StaatsBibliothek digital )

Algarotti, Francesco: Saggio sopra l’opera in musica. Ex donat. Molliana, 1755.
(embedded from Google Books)




Literatur
Friedrich II., König von Preussen: Friedrich II. – Auszierung zur Arie »Digli ch’io son fedele« aus der Oper Cleofide von Johann Adolf Hasse. Faksimile der Handschriften aus dem Bestand der Deutschen Staatsbibliothek Berlin. Hrsg. von Wolfgang Goldhan. Wiesbaden u. a.: Breitkopf & Härtel, 1991.

Wolff, Hellmuth Christian: Originale Gesangsimprovisationen des 16. bis 18. Jahrhunderts. Köln: Arno Volk Verlag, 1972 (Das Musikwerk 41).

Henze -Döhring, Sabine: Friedrich der Große. Musiker und Monarch. München: Verlag C. H. Beck, 2012.

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