Die Hofoper

Exponat-Nr. 35: »Farinelli«, Stich von Appo Wagner nach einem Gemälde von Jacopo Amiconi (1682–1752), Venedig 1735

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bpk: 70001810 | Or 2 Farinelli 1


1705 in Apulien geboren und wahrscheinlich 1714 kastriert, galt und gilt Farinelli als bedeutendster Kastrat des 18. Jahrhunderts. Seine Ausbildung erhielt er in Neapel bei dem berühmten Gesangslehrer und Komponisten Nicola Porpora. Er debütierte als 15 jähriger und eroberte rasch die Opernhäuser in Wien, Venedig, Mailand, London. Die Jahre 1737–1759 verbrachte Farinelli am spanischen Hofe, wo er Philipp V. und Ferdinand VI. allabendlich vorsang. 1759 setzte er sich mit einem großen Vermögen in Bologna zur Ruhe, wo er 1782 starb. Vorlage des Stiches war ein Gemälde des Italieners Jacopo Amiconi (Amigoni) von 1735. Amiconi, der von 1747 bis 1752 königlicher Hofmaler in Madrid war, schuf mehrere Porträts des berühmten Kastraten. Die Inschrift auf dem Sockel lautet:

»Partenope il produße, e le Sirene tutte fur vinte al paragon del Canto: Fama il guido sulle Britanne Scene, E furon Nomi suoi Prodigio e Incanto.«
(»Parthenope schuf ihn und alle Sirenen wurden im Gesang von ihm besiegt: Der Ruhm führte ihn auf die Bühnen Britanniens, und seine Namen waren Wunder und Entzücken.«)


»Parthenope«, eigentlich der Name einer Sirene, wurde auch als poetische Bezeichnung für die Stadt Neapel verwendet, in der Farinelli seine Gesangsausbildung erhalten hatte.
Farinellis stupende Gesangstechnik wurde von Zeitgenossen oft beschrieben, so auch von Charles Burney in seinem Tagebuch einer musikalischen Reise von 1772 (vergleiche Exp.-Nr. 37 ):

»In der berühmten Arie Sono qual Nave, die sein Bruder gesetzt hatte, fing er die erste Note so sanft an, schwellte sie durch ganz unmerkliche Grade zu einer erstaunlichen Stärke und linderte sie auf ebendiese Weise wieder, daß man ihm völlig fünf Minuten klatschte. Sodann fing er mit einer so glänzenden raschen Fertigkeit an fortzusingen, daß es dem damaligen Orchester schwer ward, mit ihm Takt zu halten. Kurz, er übertraf alle Sänger so sehr, als das berühmte Rennpferd Childers alle anderen Renner übertraf. Doch war er nicht nur an Geschwindigkeit ihnen überlegen, sondern er vereinigte in sich aller großen Sänger vortrefflichkeiten. In Ansehung seiner Stimme: Stärke, Annehmlichkeit und weiten Umfang; in seiner Singart: Zärtlichkeit, Anmut und Fertigkeit. Er hatte Vorzüge, dergleichen man weder vor noch nach ihm bei irgendeinem Menschen zusammen antraf; Vorzüge, deren Kraft man nicht widerstehen konnte und die jeden Zuhörer, den Kenner und Nichtkenner, Freund und Feind besiegen mußten.« (S. 155 f. )

Johann Friedrich Agricola berichtete 1757, dass Farinellis Stimmumfang vom kleinen a bis d‘‘‘ gereicht habe.
(Ruth Müller-Lindenberg)

Online Lesen:
Carl Burney’s der Musik Doctors Tagebuch einer Musikalischen Reise durch Frankreich und Italien. Aus dem Englischen übersetzt von C. D. Ebeling, Hamburg 1772.

Agricola, Johann Friedrich: Anleitung zur Singkunst. Berlin: Winter, 1757.
(e-Ressource der Bayerischen StaatsBibliothek digital )

Agricola, Johann Friedrich: Anleitung zur Singkunst. Berlin: Winter, 1757.
(embedded from Google Books)



Literatur
Haböck, Franz: Die Kastraten und ihre Gesangskunst. Eine gesangsphysiologische kultur- und musikhistorische Studie. Stuttgart und Berlin: Deutsche Verlagsanstalt, 1927.

Ortkemper, Hubert: Engel wider Willen. Die Welt der Kastraten. Berlin: Henschel, 1993.

Henze-Döhring, Sabine: »›One God, one Farinelli!‹ Kastratengesang des frühen 18. Jahrhunderts. Seine Verschriftlichung als arkane Kunst und öffentliche Präsentation in London«, in: Ulrich Schütte (Hrsg.): Kunst als ästhetisches Ereignis, Marburg 1997 (Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft 24). S. 271–279.

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