Die Hofoper

Exponat-Nr. 37: Carl Burney’s der Musik Doctors Tagebuch einer Musikalischen Reise durch Frankreich und Italien. Aus dem Englischen übersetzt von C. D. Ebeling, Hamburg 1772

© Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz
Bibliothek

C Burney 2,1 | S. 226 f.


Der Engländer Charles Burney (1726 –1814), Musikgelehrter und Historiograph, reiste in den 1770 er Jahren durch Europa und veröffentlichte anschließend seine Berichte. Im Musikland Italien interessierte er sich besonders für die Kastratensänger, die Stars der europäischen Hofoper im frühen 18. Jahrhundert.
Die Geschichte der Kastraten reicht weit zurück: bis zum Verbot der Kirche, Frauen singen zu lassen. Hohe Stimmen wurden deshalb mit Knaben besetzt. Das war allerdings nur so lange möglich, bis sie in den Stimmbruch kamen. Also wurden Knaben schon seit dem 17. Jahrhundert einer Operation unterzogen, bei der man die Keimdrüsen entfernte oder funktionsunfähig machte. Das erhielt die hohe Stimme und führte zu einigen Besonderheiten: Da männliche Geschlechtshormone nunmehr fehlten, setzte das Wachstum der Stimmlippen aus, Brustkorb und Lunge entwickelten sich jedoch normal weiter. Kastraten konnten ihre hohen Töne deshalb sehr lange aushalten und verfügten über ein Stimmvolumen, das in Relation zur Stimmhöhe übergroß wirkte. Der Stimmumfang umfasste dabei häufig mehr als zwei Oktaven.
Die Operation ohne Narkose, die im Geheimen durchgeführt wurde, weil die Kastration verboten war, verlief für viele Kinder tödlich. Andere litten ihr Leben lang unter den Folgen. Gesellschaftlich waren die Kastraten nicht angesehen, aber sie gehörten zu den Spitzenverdienern. Sänger wie der berühmte Farinelli (siehe Exp.-Nr. 35 ) häuften ein immenses Vermögen an. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erreichte das Kastratenwesen seinen Höhepunkt: Männliche Kastraten sangen die Hauptrollen in der ernsten Oper.
Die aufgeschlagenen Seiten berichten von der Operation an Knaben, die zu Kastratensängern gemacht werden sollten:

»Ich erkundigte mich durch ganz Italien, an welchem Orte vornehmlich die Knaben durchs Castriren zum Singen tüchtig gemacht würden, aber ich konnte keine gewisse Nachricht erhalten. Zu Mayland sagte man mir, es geschehe zu Venedig; zu Venedig, es geschehe zu Bologna; zu Bologna leugnete man es, und wies mich nach Florenz; von Florenz nach Rom, und von da nach Neapel.
Eine solche Operation ist freylich an allen diesen Orten so sehr wider die Gesetze als sie wider die Natur ist; und die Italiäner schämen sich derselben so sehr, daß sie sie von einer Provinz auf die andere schieben. (…) Doch versicherte mir Herr Jamineau, brittischer Consul zu Neapel, der so lange daselbst gelebt und besondere Untersuchungen darüber angestellt hat, in Ansehung der neapolitanischen Conservatorien, daß diese Gewohnheit in denselben durchaus verboten sey, und daß die jungen Castraten von Leocia aus Puglia kämen. Dr. Cirillo, ein berühmter Arzt zu Neapel bestätigte seine Aussage. Doch ehe die Operation vorgenommen wird, führt man sie in ein Conservatorium, um sie daselbst zu prüfen, ob eine gute Stimme von ihnen zu erwarten ist, alsdenn nehmen ihre Eltern sie zu diesem barbarischen Zwecke mit nach Hause. Inzwischen steht die Todesstrafe darauf, wenn jemand die Operation verrichtet, und der Bann, wenn man darum weiß, es sey denn, daß es, wie man oftmals vorgibt, wegen einer Krankheit an diesen Theilen, wovon man glaubt, daß sie die Operation erfordere, und mit Einwilligung des Knabens geschehe. Man hat Exempel, daß es selbst auf Verlangen des Knaben geschehen sey, welches mit Grassetto zu Rom der Fall war. In Ansehung der vorläufigen Proben der Stimme, glaube ich, daß diese grausame Operation nur zu oft ohne Probe, oder wenigstens ohne hinlängliche Beweise geschieht, daß die Stimme dadurch besser werden könne; sonst würde man gewiß nicht in jeder italiänischen Stadt eine solche Menge Verschnittener finden, die gar keine Stimme oder doch keine so gute haben, die einen solchen Verlust ersetzen könnte«
(S. 226 f. ).


(Ulrike Eberle / Ruth Müller-Lindenberg)

Online Lesen:
Carl Burney’s der Musik Doctors Tagebuch einer Musikalischen Reise durch Frankreich und Italien. Aus dem Englischen übersetzt von C. D. Ebeling, Hamburg 1772.

Literatur
Haböck, Franz: Die Kastraten und ihre Gesangskunst. Eine gesangsphysiologische kultur- und musikhistorische Studie . Stuttgart und Berlin: Deutsche Verlagsanstalt, 1927.

Ortkemper, Hubert: Engel wider Willen. Die Welt der Kastraten . Berlin: Henschel, 1993.

Exponat-Nr. 37: Carl Burney’s der Musik Doctors Tagebuch einer Musikalischen Reise durch Frankreich und Italien. Aus dem Englischen übersetzt von C. D. Ebeling, Hamburg 1772 vergrößern

1...10...303132
|||