Kuriosa

Exponat-Nr. 104: Hanna Klose-Greger: »Kommst du wieder Federschlange? Ein Maya-Roman« Leipzig 1966

Klose-Greger, Hanna (Ill. von Rudolf Nehmer):
Kommst du wieder Federschlange? Ein Maya-Roman
Leipzig : Prisma-Verlag, 1966


Dieser Abenteuerroman für Jugendliche spielt mit seinem Titel auf eine aztekische Legende an: Der Gott Federschlange (Quetzalcoatl; siehe Exp.-Nr. 100) habe die Azteken über den Ozean gen Osten verlassen, jedoch angekündigt, dass seine Erben von dort zurückkommen und das Reich wieder beherrschen würden.
Die Handlung des Buches geht von historisch nachweisbaren Fakten aus: Im Jahre 1511 erlitten die beiden Spanier Jerónimo de Aguilar, ein Franziskanermönch, und Gonzalo Guerrero, ein Matrose, vor der Halbinsel Yucatán Schiffbruch und strandeten an der mexikanischen Küste. Aguilar und Guerrero verbrachten acht Jahre in der Gefangenschaft der Maya. 1519 erreichte Hernán Cortés, der auf der Insel Cozumel gelandet war, die Freilassung seiner Landsleute. Während Guerrero sich dafür entschied, bei den Mayas zu bleiben, weil er dort inzwischen heimisch geworden war, schloss Aguilar sich dem spanischen Conquistador an. Das Buch erzählt die Geschichte des Matrosen Gonzalo Guerrero und mischt in jugendverträglicher Dosierung ›sex and crime‹ unter. Gonzalo erlebt eine Reihe von lebensbedrohlichen Abenteuern, und ein wichtiger Grund dafür, dass er das Land nicht verlassen möchte, ist seine Liebe zu einer jungen Maya-Frau. Erst am Ende des Buches taucht Aguilar wieder auf. Er möchte Gonzalo dazu überreden, sich den Leuten des Cortés anzuschließen. Man kann ihn als einen Protagonisten der »Schwarzen Legende« verstehen: Zwar verteidigt er die Conquista mit religiösen Gründen, doch seine Habgier ist unverkennbar. Diese religionskritische Haltung passte in das Geschichts- und Menschenbild der DDR-Pädagogik. Guerrero, der ›Gute‹, der sich bei den Mayas Sa-ak nennt, formuliert diese Kritik, indem er die Religion der Spanier als grausam bezeichnet, und plädiert (wie Friedrich II. in seinem Montezuma-Text) für religiöse Toleranz. Wie sich dies freilich mit der Staatsdoktrin der DDR in Einklang bringen ließ, muss offen bleiben. Das folgende Zitat führt die beiden Gestrandeten nach acht Jahren wieder zusammen und zeigt sie zugleich als Gegenspieler:

»Es war wirklich Aguilar, der in blinkender Kriegsausrüstung mit einer ansehnlichen Begleitung Sa-ak in der Halle entgegenkam. Die Männer trugen breite Lederkoller über den geputzten Panzern. Die Blicke der einstigen Kameraden trafen aufeinander, hart, feindlich, als sie sich gegenüberstanden. Aguilar zeigte die Zähne, es sollte ein Lächeln sein. Sein Kopf glich dadurch noch mehr als sonst einem Totenschädel.
›Du hast mich für dumm verkaufen wollen! Es gibt hier mehr Schätze als anderswo!‹
›Habt ihr im Norden, wo ihr meintet das Goldland zu entdecken, nichts gefunden?‹ fragte Sa-ak kalt.
›Mehr als genug!‹ Aguilar fing an zu prahlen, verstummte aber vor Sa-aks verächtlicher Miene.
›… und immer noch hat der fromme Bruder Geronimo nicht genug?‹
›Hör auf mit dem Unsinn! Gold hat man nie genug! Doch ich verstehe, du möchtest mich ablenken? Wir holen uns, was wir haben wollen! Auch hier!‹
›Erst das Gold und dann die Seelen! Im Anfang hieß es umgekehrt: Es geht um das Seelenheil der armen »Wilden«!‹« (S. 247)


(Ruth Müller-Lindenberg)

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