Kuriosa

Exponat-Nr. 105: Hans Joachim Moser: »Ersungenes Traumland«, Leipzig 1937

Moser, Hans Joachim:
Ersungenes Traumland. Ein Roman von der deutschen Oper
Leipzig: Staatsmann Verlag, 1937


Der Autor dieses Romans, 1889 in Berlin geboren, war Musikwissenschaftler und Direktor der Staatlichen Akademie für Kirchen- und Schulmusik Berlin; übrigens auch der Vater der Sängerin Edda Moser. 1936 trat er in die NSDAP ein. Von 1940 bis 1945 arbeitete er als Generalsekretär der Reichsstelle für Musikbearbeitungen im Propagandaministerium, von 1950 bis zu seiner Pensionierung 1961 als Direktor des Städtischen Konservatoriums Berlin.
Der Roman Ersungenes Traumland handelt, im Gewand eines Entwicklungsromans, von der Suche nach der »echten deutschen Oper«: Die 15jährige Friederike Unger, Tochter eines preußischen Kriegsrates, erlebt in Berlin die Uraufführung der Oper Montezuma am 6. Januar 1755 und ist vom Gesang der Primadonna Giovanna Astrua so begeistert, dass sie beschließt Sängerin zu werden. Ihr Ideal ist jedoch nicht das italienische Dramma per musica, sondern eine deutschsprachige Oper auf hohem Niveau. Die Heldin begründet dies immer wieder mit dem »Deutschtum«, das die nationalsozialistische Ideologie als Bestandteil ihrer Rassenlehre propagierte. Nach einem langen und wechselvollen Leben findet Friedrike ihr Ideal in Beethovens Fidelio.
Geradezu paradox mutet es an, dass Moser ein Werk, das aus der Feder Friedrichs II. stammt, zum negativen Ausgangspunkt der Handlung machte. Es geht dem Autor jedoch nicht um die Handlung, sondern hauptsächlich um den Stil von Grauns Musik, den er als »welsch« identifizierte, und um die Tatsache, dass die Oper einen italienischen Text hatte. Gewiss hatte der Parteigenosse Moser Kenntnis davon, dass Montezuma am 13. Oktober 1936 in Saarbrücken aufgeführt worden war, um die Wiedereingliederung des Saargebiets in das Deutsche Reich zu feiern. Für diese Produktion hatte der Komponist Fritz Neumeyer auf der Basis des damals noch vorhandenen Prosaentwurfs von Friedrich II. eine deutschsprachige Fassung hergestellt.
Moser legte 1958 eine Neuauflage der ersten gedruckten Montezuma-Partitur vor (DDT Bd. 15, hrsg. von Albert Mayer-Reinach, Wiesbaden 1904), und er scheint einige Originaldokumente zur Aufführung gekannt zu haben: In dem unten wiedergegebenen Zitat erzählt Friederikes Amme dem Mädchen, was sie von ihrer Tochter Rieke, einer Mitwirkenden, über die Kostüme gehört hat. Danach sind die Spanier ganz in Silber gekleidet. Aus dem in der Ausstellung gezeigten Inventar der Kostüme (Exp.-Nr. 41) geht hervor, dass die Brustpanzer der Spanier tatsächlich silbern waren.

»›Nee, Se wer’n staun’n, Mamsell Fiekchen, wat se da heitjentachs vor Fisematenten sich ausklamiesan – nischt wie Spanjolen un Indianer uffs Theater. Rieke hat et mia beschriem – se ist ne amerikan’sche Prinzesse, Fedan uffn Kopp, nischt wie Fedan, balde wie’n Papajei, und untan Reifrock nackte Waden, det sich meen seljer Willem dotjescheemt hätte, un denn Ledaschuh un braunrot jeschmunken wie de Ziejel; varickt, mecht man saren (...) Un so Sticka ßwanßich Mamsellen. Aba ßehn Dala im Monat Ssulare – et is ja nich ßu va’achten (...) Nehm wa det vijelette Bändeken, meen Engel? Oda det resedrische? Bisken ßu jewichtich, nich’? Paßt et mit de Farbe?‹
›Nein, das silberne, Partschen, aber fix, fix, wir haben noch die ganze Schnürerei vor uns, und Vater darf nicht warten müssen. Gibt’s denn auch Amerikanerprinzen in der Oper heut?‹«


Die nun folgende Beschreibung des »Amerikanerprinzen« liest sich wie eine detailgetreue Abschilderung der überlieferten Montezuma-Figurine »Re Americano« (Exp.-Nr. 47), die wohl von Carl Friedrich Fechhelm stammt.

»›Na, und ob, Fiekchen, meen Herzekin, also eenfach puppich! Rieke is janz von wech – je’m stecken hinten aus ne bunte Ledatasche riesenlange, farbichte Fedakiele raus, un Flitzeböjen un Fedan, Fedan, det man son Mannsbild vor ne veritable Fraunsperson mechte halten. Un de Spanjolen von’n Kopp bis an de Beene nischt wie Silba – Rieke, hab ick jesacht, vaknall da nich, de Spanjolen solln alle kadolisch sind, mach deen’n ehrsamn Vata seen Anjedenken keene Schande, ooch in Jedanken nich!‹« (S. 8 f.)

(Ulrike Eberle / Ruth Müller-Lindenberg)


Weiterführende Literatur Online
Ivaldi, Armando Fabio: »›Eine Berliner Blaue Legende‹: Il Montezuma di Federico II e Carl Heinrich Graun«, in: Maria Grazia Profeti und Donatella Pini (Hrsg.): Leyendas negras e leggende auree. Firenze: Alinea Editrice, 2011 (secoli d’oro 62). S. 289 –313 .

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