Texte zur Eroberung von Mexiko

Aus der Beschreibung der Stadt Tenochtitlan von Hernán Cortés:

»Die große und reiche Haupstadt, Temixtitan geheißen, liegt mitten im großen Salzsee. Sie ist so groß wie Sevilla oder Cordova. Vom Lande zu den Haupttoren der Stadt führen vier Steindämme, deren jeder zwei spanische Lanzenlängen breit ist. Von welcher Seite vom Ufer man auf ihnen auch kommen mag, immer braucht man vom Lande zur Stadt zwei Stunden. Die Hauptstraßen der Stadt sind sehr breit, dabei schnurgerade wie auch alle übrigen Gassen. Viele andere aber sind eng. Durch die meisten laufen neben den Fuß- und Fahrwegen noch Wasserwege, auf denen Kähne gehen, so daß man fast von jeder Gasse auf dem Wasser in jede andere gelangen kann. Etliche der Läufe sind gar breit, und viele schmucke und wohlgebaute Brücken aus Holz führen über sie, die oft so breit sind, daß zehn Reiter nebeneinander hinüberreiten können. (…) Die Stadt hat viele Plätze, auf denen immerfort Markt von Lebensmitteln und allerlei Dingen ist. Der Hauptplatz in der Mitte der Stadt, doppelt so groß wie der von Salamanca, ist rings von Säulenhallen umgeben. Tag und Tag kommen hier 60 000 Menschen zusammen, um zu kaufen und zu verkaufen. Man findet dort alle möglichen Waren aus allen Gegenden des Reiches zur Nahrung und Bekleidung, dazu Gegenstände von Gold, Silber, Kupfer, Messing, Blei, edlem Gestein, Leder, Bein, Muscheln, Korallen, Baumwolle und Federn. (…) Kurzum, man bekommt auf den Märkten von Temixtitan alles, was irgendwo wächst, und in solchen Mengen und so vorzüglich wie nirgends. Die verschiedenen Waren dürfen nur an den dafür bestimmten Plätzen verkauft werden, worauf streng gehalten wird. Durchweg verkauft man nach der Stückzahl oder nach Maß, nirgends nach Gewicht. Auf dem Hauptmarkte steht ein Gerichtshaus, in dem immerdar zehn bis zwölf Richter ihres Amtes walten und alle Marktstreitereien entscheiden. Sie haben auch Strafgewalt. Ferner gehen beständig Aufseher herum und prüfen die Maße der Verkäufer. Ich habe öfters gesehen, daß falsche Maße von ihnen genommen und zerbrochen worden sind. (…) In Temixtitan gibt es viele Moscheen, gar prächtig erbaut, in denen die Götzen des Landes verehrt werden. In den größeren wohnen auch die Priester in schönen Wohnungen. Alle Pfaffen hierzulande tragen schwarze Tracht. (…) Die Hauptmoschee steht auf einem großen Platze, dessen Umkreis von einer acht Fuß hohen Mauer umzogen ist. Ihr gesamter Bereich ist so weit, daß man darin Häuser für 500 Menschen bauen könte. (…) Der Tempel selbst ist höher als die Kathedrale von Sevilla. Er hat die Gestalt einer viereckigen Pyramide von vier gewaltigen Stufen. Ganz oben auf der weiten Plattform, auf die man durch die breite Außentreppe gelangt, stehen zwei Turmtempel aus geglättetem Stein und geschnitztem Holzwerk, in denen die riesigen Götzenbilder thronen. (…) Jeder der beiden Tempel war einem anderen Götzen geweiht, der eine dem Hutzilopochtli, dem Kriegsgotte der Mexikaner, der andere dem Tezkatlipoka, dem Erschaffer der Welt.«

Aus: Hernán Cortés: Die Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes. Mit den eigenhändigen Berichten des Feldherrn an Kaiser Karl V. von 1520 und 1522. Hrsg. von Arthur Schurig. Leipzig: Insel-Verlag 1923, S. 139 –144.

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Die Begegnung zwischen Moctezuma und Cortés: Reichtum der Azteken

Eine der Hauptquellen für die Oper Montezuma bildete die Geschichte der Eroberung von Mexiko von Antonio Solís y Ribadeneira. Friedrich besaß drei verschiedene französische Ausgaben in seiner Bibliothek. Weil dieses Buch auf einem hohen literarischen Niveau von der Eroberung berichtete und erzählte, fand es weltweite Anerkennung. Die Begegnung zwischen Cortés und Moctezuma wird mit vielen Details geschildert. Der folgende Ausschnitt beschreibt, wie sich Cortés und seine Soldaten über die Calzada de Iztapalapa der Stadt Tenochtitlan nähern und auf eine Prozession der Azteken treffen:

»Kurz darauf ließ die erste Abteilung der königlichen Begleitung sich sehen, welche aus ungefähr zweihundert Edeln von Montezuma’s Familie bestehen mochte; sie waren überein gekleidet und trugen große Federbüsche, die sich ebenfalls an Farbe und Gestalt vollkommen glichen. In zwei Reihen, mit bewundernswürdigem Stillschweigen und Anstande, nahten sie sich, alle barfuß und ohne die Blicke vom Boden zu erheben, und so glichen sie einer Procession. Sobald sie in die Nähe des Heeres kamen, ordneten sie sich zu beiden Seiten an den Häusern, und man sah in der Ferne eine große Schar von noch schöner geschmückten, noch mehr Würde bekundenden Leuten, in deren Mitte Montezuma, getragen von seinen Günstlingen, auf einem Tragsessel von hellpoliertem Gold erschien; dieser glänzte ebenmäßig zwischen verschiedenen Federzierrathen hervor, deren geschickte Eintheilung den Reichtum durch die Kunst zu verdunkeln suchte. (…) Cortez stieg kurz vor dem Zusammentreffen vom Pferde; zu gleicher Zeit verließ auch Montezuma seinen Tragsessel, und nun traten einige Indianer vor, welche den Weg mit Teppichen belegten, damit er die Erde nicht berühren sollte, welche, ihrer Meinung nach, seiner Fußtapfen unwürdig war. (…) Er war ein Mann von gutem Ansehen, ungefähr vierzig Jahren, mittlerer Größe und mehr schlank, als kräftig gebaut; sein Gesicht war adlerartig, und seine Farbe nicht so dunkel, als die gewönliche dieser Indianer; seine Haaren reichten bis zu den Ohren, sein Auge war lebhaft, und sein Antlitz – einen Zug von Verstecktheit abgerechnet – sehr edel. Seine Kleidung bestand aus einem Mantel von der feinsten Baumwolle, welcher ungezwungen und anmuthig von den Schultern herabhing und den größten Theil des Körpers bedeckte; es befanden sich an demselben so viele goldene Kleinodien, Perlen und Edelsteine, daß er mehr zur Last wurde, als zum Schmucke diente«. (…)
»Cortés hatte über seine Rüstung eine künstlich gearbeitete Kette von Glassteinen gehängt, welche Smaragden und Diamanten nachahmten; diese Kette hatte er zum Geschenk bei der ersten Audienz bestimmt und hing sie auch während der Höflichkeitsbezeigungen über die Schultern Montezuma’s. Die beiden Führer hielten ihn etwas gewaltsam zurück und gaben ihm zu verstehen, daß es nicht erlaubt sei, sich der königlichen Person so sehr zu nahen; aber Montezuma verwies ihnen dieß und war so erfreut über das Geschenk, daß er dasselbe unaufhörlich betrachtete und gegen die Seinigen als ein Kleinod von unschätzbarem Werthe rühmte. Um nun durch irgend eine Freigebigkeit seinen Dank an den Tag zu legen, ließ er, während ihm die andern Capitaine vorgestellt wurden, ein Halsband herbei bringen, welches unter seinen Kleinodien am höchsten geschätzt wurde. Es war von karmesinrothen, in diesem Lande in hohem Werthe stehenden Muscheln verfertigt, die so künstlich angeordnet und verbunden waren, daß von jeder derselben vier goldene, der Natur treu nach gebildete Flußkrebse herabhingen. Eigenhändig legte er dasselbe um Cortés Hals …«


Aus: Antonio de Solís y Ribadeneira, Geschichte der Eroberung von Mexiko. Erster Band. Aus dem Spanischen von L. G. Förster. In: Geschichte der außereuropäischen Staaten. Hrsg. von mehreren Gelehrten. Dritter Band. Quedlinburg – Leipzig: Basse 1838, S. 251–253.

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»Sie suchen nach dem Gold wie Schweine«: die Eroberung Mexiko-Tenochtitlans aus indianischer Sicht

Das Begehren, das dieser Reichtum in den Eroberern weckte, wurde schnell zu Habgier; ein Element, das die Eingeborenen selbst und andere europäische Mächte in den folgenden Jahrhunderten als Propaganda gegen Spanien genutzt haben. Diese Gegenpropaganda ist heute unter dem Namen »Schwarze Legende« bekannt. Der Franziskaner Fray Bernardino de Sahagún stellte in seiner Allgemeinen Geschichte der Angelegenheiten Neu-Spaniens aus dem Jahr 1569 verschiedene Handschriften der Azteken zusammen. Man findet in diesem Buch Aussagen über die Eroberung aus indianischer Sicht. Über die Habgier der Spanier und ihre Lust nach Gold und Reichtum heißt es:

»Motecuhçoma schickte einen seiner Stellvertreter und andere hohe Fürsten den Spaniern entgegen. Sie überreichten dem Kapitän das Goldbanner, das Quetzalfederbanner und die goldene Perlhalskette. Über das Gold freuten sich die Spanier sehr, sie griffen nach dem Gold wie Affen, denn sie hungern nach Gold, sie suchen das Gold wie Schweine.«

Aus: Bernardino de Sahagún, »Sie suchen nach dem Gold wie Schweine«: die Eroberung Mexiko-Tenochtitlans aus indianischer Sicht. Zusammengestellt und bearbeitet von Karl Braun nach Bildern und Texten von Bernardino de Sahagún. Tübingen: AS-Verlag 1982, S. 41.

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Weiterführende Literatur

Briefe des Ferdinand Cortes an Kayser Carl den Fünften über die Eroberung von Mexico, Band 1. Heidelberg, 1779. (embedded from Google Books)


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Spontini, Gaspare und Ignaz Franz Castelli: Ferdinand Cortez, oder: Die Eroberung von Mexico. Eine große heroische Oper mit Ballet in drey Aufzügen. München, 1816. (embedded from Google Books)



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Birkenmaier, Anke: Versionen Montezumas. Lateinamerika in der historischen Imagination des 19. Jahrhunderts. Mit dem vollständigen Manuskript von Oswald Sprenglers ›Montezuma. Ein Trauerspiel‹ (1897). Berlin/Boston, 2011. (embedded from Google Books)



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Riese, Berthold: Das Reich der Azteken. Geschichte und Kultur. München, 2011. (embedded from Google Books)



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