Zeitungsberichte über die Königliche Hofoper (1742 –1754)



Anno 1742. Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen Berlin, vom 27. November

»Das hiesige Opern-Haus ist nunmehro, unter der Direction des Freyherrn von Knobelsdorf, in so weit fertig, daß den 1sten Decembr. die erste Opera darinnen kan vorgestellet werden; die Vollendung der äussern Decorationen aber soll künftiges Jahr geschehen. Wir hoffen, unsern Lesern, und besonders den Fremden, eine Gefälligkeit zu erzeigen, wenn wir ihnen von diesem schönen Gebäude eine zuverläßige Beschreibung mittheilen. Selbiges beträgt in der Länge 300 und in der Breite 106 Rheinl. Fuß. Es gleicht einem prächtigen Pallaste, stehet von allen Seiten frey, und hat von aussen so viel Platz um sich herum, daß 1000 Kutschen gemächlich alda halten können. Das Hängewerck ist sehr flach, und von unten nicht zu sehen, auch ganz mit Kupffer bedeckt. Durch eine jede von den 7 Pforten können 5 Personen en front hinein gehen, und inwendig findet man alle Bequemlichkeiten. Dieser jetzt erwehnten grossen Oefnungen ohngeachtet, ist doch solche Disposition gemacht, daß kein Zug weder das Parterre, noch das Orchester, incommodiren kann. Ein gewölbter Canal, von 9 Fuß hoch, gehet quer durch das ganze Gebäude. Aus selbigem wird, vermittelst 2 Wasser-Maschinen, das Wasser bis unter das Dach in grosse Behältnisse gebracht, auch durch Röhren dergestalt wieder auf das Theater geleitet, daß nicht allein natürliche Cascaden und Wasser- Strahle, können vorgestellet werden, sondern, daß man auch bey auskommendem Feuer fast das ganze Theater unter Wasser setzen kan. Dieses Theater ist eins von den längsten und breitesten der Welt. Die Logen sind so räumlich und bequem, daß sie rechten Zimmern gleichen, und doch allenthalben eine ungehinderte Aussicht auf das Theater haben. Die Treppen hat man so groß und gemächlich verfertiget, daß man sich bis in den vierdten Rang der Logen mit Porteurs kann tragen lassen. Hinter den Logen befinden sich solche geraume Gänge, daß 7 bis 8 Personen Platz genug haben, neben einander zu gehen. Bey allen jetzt gedachten Vorzügen ist zwar der Zweifel erregt worden, ob sie auch zur Avantage der Music seyn möchten; aber man bemerckt mit nicht geringer Verwunderung, daß die Music darinnen einen vortreflichen Effect thut. Wenn nemlich der Sänger ganz hinten im Fond vom Theater stehet; so höret man ihn nicht nur in den äussersten Logen, und im Parterre gar deutlich die allersachtesten Töne singen, sondern der Sänger höret sich auch immer selbst wieder, welches in wenigen Theatern zu finden, und doch dem Singenden zu einer grossen Erleichterung dient. Nach beschlossener Opera kan in diesem Hause Redoute gehalten werden. Am Ende der Logen findet man einen weitläuftigen Saal, wo die Herrschaften speisen können. Währender Zeit wird der Boden des Parterre dem Theatro gleich erhoben; das Theater selbst aber in einen Corinthischen Saal verwandelt. Die Scenen gehen hinter den Colonaden weg, und in den Nichen sind natürliche Cascaden angebracht, welche einige Najaden von weissem Marmor aus ihren Krügen formiren. Das Haus ist in 3 Säle eingetheilet: 1) der Corinthische; 2) der vom Parterre, wo an den Logen, und am Portal, die verguldeten Decorationes, so aus einem gebrochen weißlichen Grunde, und von einem besondern Gout sind, einen sehr schönen Effect thun, und 3) der Apollonische Saal, in welchem rings herum vor die Zuschauer ein Entablement von lauter Satyren getragen wird.«

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Anno 1743. Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen Berlin, vom 19. November

»Se. Maj. der König, werden den 1 December allhier eintreffen, um denen an besagtem Tage ihren Anfang nehmenden Winter-Lustbarkeiten beyzuwohnen, welche in folgender Ordnung vor sich gehen sollen: Des Sonntags ist bey Ihro Maj. der Königl. Frau Mutter Cour; Montags Opera; Dienstags masquirter Ball im Opern-Hause; Mittewochs Französische Comödie; Donnerstags Cour bey Ihro Maj. der regierenden Königinn; Freytags Opera, und Sonnabends Assemblee und Ball in der Stadt. Die zwey neuen Opern, welche diesesmahl aufgeführet werden sollen, sind Artaxerxes und Cato betitelt. Die Poesie in beyden ist von dem berühmten Metastasio, die Music von dem Königl. Capellmeister, Herrn Graun; die Täntze aber werden von dem nur vor wenig Tagen aus Franckreich gekommenen Ballet-Meister, Monsieur Lani, der sich durch seine ungemeine Geschicklichkeit schon sattsam bekannt gemacht hat, verfertigt werden. In der zweyten Opera wird der berühmte Sänger, Solibene, den man in kurtzem aus Italien erwartet, sich hören, und die Mademoiselle Barberini, die bereits in Engelland, Franckreich und Italien, wegen ihrer Geschicklichkeit im Dantzen bewundert worden, sich sehen lassen. Überdieses werden noch 2 andere neue Täntzerinnen, welche gedachter Mons. Lani mit anhero gebracht, und wovon eine dessen Schwester ist, ihre Fähigkeit zeigen. Den Fremden so wohl, als den Einheimischen, von was vor Stande sie sind, wird erlaubt seyn, ohne Endgeld, sich bey denen Opern, Comödien, und masquirten Bällen, einzufinden. Man hat zu dem Ende die Logen dergestalt abgetheilet, daß die 1ste vor die Dames und Cavaliers so bey Hofe erscheinen; die 2te vor den Adel, der da selbst keinen Zutritt hat, wie auch vor andere in Königl. Diensten stehende Personen; die 3te aber vor alle, die bürgerlichen Standes sind, bestimmt worden. Bey denen Bällen hat sich der Adel beyderley Geschlechts in Rosenfarbenen Dominos einzustellen: denen vom bürgerlichen Stande aber stehet es frey, sich nach Gutdüncken, jedoch sauber, zu masquiren. Selbigen Tages werden auch im grossen Saal des Opern-Hauses 5 Tafeln, jede von 30 Couverts, vor den Adel serviret werden.
Da übrigens auf Sr. Königl. Majestät höchsten Befehl zu denen Opern, weder in Ansehung der Kleider, noch der Decorationen, das geringste hat dürfen gesparet werden; so kann man ohne Ruhmredigkeit versichern, daß nunmehro diese, wo nicht alle andere, die man gegenwärtig in Europa findet, an Pracht und Kostbarkeit übertreffen, doch gewiß keiner in etwas nachgeben werden. Überhaupt zeigen die vielen Anstalten, so durchgängig gemacht worden, zur Genüge, daß diese Winter-Divertissements ohnfehlbar für diesesmahl mit so vieler Magnificence, als irgend an einem andern Hofe, sollen vollzogen werden.«

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Gotthold Ephraim Lessing: »Nachricht von dem gegenwärtigen Zustande des Theaters in Berlin«, in: Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters, Erstes Stück, Stuttgart 1750, S. 123 –136 (Ausschnitt: S. 131-135)

» (...) Die Opern sind das Hauptwerk des berlinischen Theaters. Alles läuft im Winter in die Oper, und stets sieht und hört man überall Opernarien singen und spielen. Wir müssen also auch der berlinischen Opern erwähnen; ob sie gleich, unsrer Meinung nach, mehr in die musikalische, als in die theatralische Sphäre gehören. Das Opernhaus ist ein ziemlich geraumes, und ansehnliches Gebäude. Es ist bey allen Portalen, auch über denselben, oben auf der Gallerie, mit Statuen gezieret, welche verschiedene von den alten theatralischen Dichtern, Comödianten und Tonkünstlern vorstellen. Die untern sind zwar nur von Leim, Gips, Stroh und Draht zusammen gesetzt: man hoffet aber doch, daß sie in ihren Schwiebögen, worinnen sie stehen, der Zeit und dem Wetter eine Weile widerstehen werden; obgleich einer und der andere schon einen Fuß oder Arm verlohren hat. Über der Colonnade, vor dem grossen Eingange, stehen folgende Worte mit goldnen Buchstaben angeschrieben: FRIDERICVS REX APOLLINI ET MVSIS. Fast die ganze vördere Hälfte enthält den Redoutensaal, das Übrige aber ist den Opern gewidmet. Sowohl die Schaubühne, als der Schauplatz, ist ziemlich groß, und es sind in dem letztern, ausser dem weitläuftigen Parterre, drey Amphitheaters übereinander. Dem ungeachtet ist dieser grosse Platz noch immer zu klein für die grosse Menge Menschen, welche die Oper sehen will. Niemand bekömmt Billets. Se. Majestät wollen, daß alle Leute, welche nicht zum niedrigsten Pöbel gehören, und besonders Fremde, eingelassen werden sollen. Aber diesem königlichen Willen wird schlecht nachgelebet. Man sieht die besten Logen von den nichtswürdigsten Weibsbildern einnehmen, indessen daß sich oft die angesehensten Leute vor der Thüre mit den brutalsten Begegnungen müssen zurückweisen lassen. Doch dieses sind Beschwerden, welche zu klein sind, als daß sie bis vor den Thron sollten gelangen können.
Die beyden Monate Januar und December sind den Opern gewidmet, und es wird alsdenn alle Montage und Freytage gespielet. Daß der weltberühmte Königl. Preuß. Capellmeister, Herr Carl Heinrich Graun, die berlinischen Opern componiret, dieses ist bekannt. (…) Es werden keine andern, als Graunische Opern hier aufgeführet; den einigen [sic!"> Tito des Herrn Hasse ausgenommen, welcher einigemal vor etlichen Jahren sich auf der berlinischen Opernbühne mit allgemeinem Beyfall hat hören lassen. (…)
Solimbeni ist der beste Castrat im Singen, und seine Actionen sind auch sehr gut. Er stellt gemeiniglich die Hauptpersonen, zumal wenn sie zugleich Liebhaber sind, vor. Er singt sehr hurtig, doch aber sehr angenehm, und so deutlich, als es zu singen möglich ist. Man muß ihm aber nicht in das Gesicht sehen, wenn er singt, damit man seine übermäßige Erhebung der Augenbraunen, und seine unanständige Entblössung der Zähne nicht wahrnehme.
Porporino, ein Castrat von ernsthaftem Ansehen, singt sehr gut; doch übertrifft ihn Solimbeni im Singen so, wie er ihn in der Action übertrifft. Er stellt ordentlich die gravitätischsten Personen und die Helden vor.
Paulino, auch ein Castrat, hat eine angenehme Gesichtsbildung und ziemlich gute Stimme. In seinen Geberden aber ist er sehr träge. Er bekömmt wenig zu thun, und hat niemals Hauptpersonen vorzustellen. (…)
Romani, ist ein vollkommener Tenorist. Er hat stets beträchtliche Rollen zu spielen und viel zu singen. Sein Singen sowohl, als seine Vorstellungen, erhalten allezeit einen allgemeinen Beyfall.
Astroa, eine vortreffliche Sängerinn, und eben so vortreffliche Actrice, wird wenig Operistinnen ihres gleichen haben. Sie versteht die Musik, sowohl die Melodie, als die Harmonie, gründlich, und ihre natürlich ausnehmend schöne Stimme, welche sie, vermöge ihrer Geschicklichkeit, vollkommen wohl zu brauchen weis, geben ihr den Vorzug vor allen berlinischen Operisten. Sie ist zwar schon etwas bey Jahren, doch, ausser dem theatralischen Geheimnisse, sich, wie ein Phönix, zu verjüngen, besitzt sie auch die Kunst, ihrer ansehnlichen Gesichtsbildung, durch ihre bald majestätischen, bald zärtlichen Geberden und Stellungen, einen besondern Werth beyzulegen. Sie hat allemal unter dem Frauenzimmer die Hauptrollen, als z. E. die Person der Rodelinde, der Iphigenia, der Angelica etc. Einen kleinen Fehler müssen wir an ihr erinnern. Es ist ihr nicht gegeben, lange ernsthaft zu seyn. So oft sie einmal ausgesungen hat, kehrt sie sich um, und unterhält sich mit ihrer lustigen Gesellschaft. Sie kann sich aber doch zur Zeit der Noth zwingen.
Gasparini ist über 50 Jahr alt und folglich über allen Reiz weg. Ihre Stimme aber ist noch recht gut. Ein natürlicher und grosser Fehler an ihr ist dieser, daß sie stark schielet. Sonst sind ihre Geberden und Stellungen nicht zu verachten. (...) «


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Gotthold Ephraim Lessing: »Fortgesetzte Nachricht von dem gegenwärtigen Zustande des Theaters in Berlin«, in: Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters, Zweytes Stück, Stuttgart 1750, S. 283–286 (Ausschnitt: S. 285-286)

» (...) Solimbeni, der beste Castrat, welchen wir im ersten Stück gerühmet, und von welchem wir anzumerken vergessen haben, daß er eine hohe Schulter hat, hat seinen Abschied gesucht und erhalten. Die Ursache davon ist die berlinische Luft, 125 welche, wie er sagt, ihm nicht zuträglich ist. So viel ist wahr, daß er sehr kränklich und der Schwindsucht sehr nahe ist. Er hat auch in den letzten Opern ziemlich schlecht gesungen. Er hat sich so viel in Berlin gesammlet, daß er sein noch übriges sieches Leben vollkommen ruhig zubringen kann.
Porporino wollte auch seinen Abschied, oder Zulage haben. Se. Majestät haben ihm die letztere zugestanden.
Von dem Paulino müssen wir anmerken, dass er Parolino heißt.
Astroa geht diesen Sommer nach Turin, und wird sich daselbst bey dem Beylager des Herzogs von Savoyen hören lassen. Sie kömmt aber vor dem künftigen Winter wieder.
Der Balletmeister, Mr. Levoir, ist schon vorigen Sommer mit seiner Frau abgegangen. An seine Stelle ist Mr. Denys aus Paris, mit seiner Frau, einer gebohrnen Italiänerinn, als Balletmeister gekommen. Diesem gestehen alle Kenner den Ruhm eines vollkommnen Tänzers und würdigen Balletmeisters zu. Er ist etwas klein und stark, dabey aber so flüchtig, daß er es in den verwegensten Sprüngen mit allen aufnimmt; und seine ernsthaften und zärtlichen Tänze sind nicht weniger sehr artig, wo nicht unverbesserlich. Seine Frau giebt ihm in der Geschicklichkeit wenig oder nichts nach. Und ihr Gesicht, nebst ihrer ganzen Gestalt, ist auch so reizend, daß man nun bald die Barbarini in Berlin vergessen wird. Beyde sind einen Contract auf 6 Jahre eingegangen. Doch haben ihnen gewisse verliebte Cabalen das Leben schon ziemlich schwer gemacht.
Itzo rüstet man zu einer neuen Oper, Phaeton genannt, welche auf den 27 März, als am Geburtstage der königlichen Frau Mutter, aufgeführet und mit den prächtigsten Auszierungen versehen werden soll.
Es wird auch nächstens der alte Schauplatz auf dem Schlosse eingerissen, und an dessen Stelle, eben dahin, ein neuer und geraumerer errichtet werden.«


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Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen vom 14. November 1754

»Da nunmehro die Zeit zu den Winter-Lustbarkeiten an dem hiesigen Königlichen Hofe immer näher herbeyrückt; so will man heute den Lesern den Inhalt des musicalischen Trauerspiels, Montezuma betitelt, welches alsdenn aufgeführet werden, mittheilen. Die verschiednen Unternehmungen und Eroberungen der Spanier in dem durch den berühmten Christophorum Columbum währender Regierung des Königs Ferdinandi und der Königin Isabella von Spanien entdeckten Westindien sind in der Historie zur Genüge bekannt. Besonders war die Unternehmung des Ferdinando Cortes in Mexico eine der merkwürdigsten. Der damahls regierende Kayser von Mexico, Montezuma, erlaubte den Spaniern auf guten Glauben den Eintritt in sein Reich; aber er spürte hernach allzuspät die Würkung eines gar leichtgläubigen Vertrauens, und einer unzeitigen Großmuth, als die ihm das Leben kostete. Das betrübte Ende dieses guten Monarchen, welcher der Grausamkeit und dem Geitze seiner Gäste barbarischer Weise aufgeopfert wurde, hat also den Stoff zu diesem Trauerspiele gegeben.«

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(Übertragen von: Ulrike Eberle / Claudia Terne / Ruth Müller-Lindenberg)

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