Zur Conquista

Exponat-Nr. 90: Bartolomé de las Casas: »Wahrhafftiger und gründlicher Bericht (...)«, Oppenheim 1613

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Abteilung Historische Drucke

Ux 148 (R) bzw. Ux 149 (R) | S. 54 f.


Die Kupferstiche Theodor de Brys illustrieren jene Seiten des Wahrhafftigen und gründlichen Berichts ... (heute bekannt unter dem Titel Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder), die von Cortés’ Ankunft in Tenochtitlan und Moctezumas Festnahme und Hinrichtung handeln. Das Buch war eine der wichtigsten Referenzen für die ›Schwarze Legende‹: eine antispanische Propaganda, die im Italien der Renaissance entstand, nachdem die Truppen Karls V. Rom geplündert hatten. Sie konnte sich weiter entwickeln, weil sich die Kunde von den Grausamkeiten verbreitete, die die spanischen Eroberer in Amerika begangen hatten.
Das Buch, das 1552 in Sevilla erschien, also im zeitlichen Zusammenhang mit den Religionskriegen in Europa, wurde ins Französische, Niederländische (1579) und Englische (1583) übersetzt. Die deutsche Ausgabe von 1597 enthält 17 Bildtafeln von Theodor de Bry mit Darstellungen der Greueltaten der Spanier.
Die Illustrationen haben zwar einen geringen dokumentarischen Wert; so zeigen sie etwa kahlköpfige Azteken mit federgeschmückten Lendenschurzen, und Tenochtitlan ähnelt einer mittelalterlichen europäischen Burg. Dennoch war ihre Wirkung groß, wie man sich auch heute leicht vorstellen kann, wenn man das Bild betrachtet, auf dem die spanischen Eroberer den Hofstaat Moctezumas niedermetzeln. Die Opfer sind nackt und unbewaffnet und flehen um Gnade. Die Darstellung des Geschehens scheint klar Partei zu ergreifen für die Unterlegenen.
Weil einige Königreiche das Klischee von den grausamen Spaniern absichtsvoll verbreiteten, um von ihren eigenen Expansionsabsichten abzulenken, fielen solche Bilder in ganz Europa auf fruchtbaren Boden und wurden schließlich als ein Dokument für das Vorgehen der Spanier in Amerika verstanden.
(Vicente Bernaschina)


Literatur
Said, Edward W.: Orientalismus. Übers. von Liliane Weissberg. Frankfurt a. M.: Ullstein, 1981.

Todorov, Tzvetan: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen. Übers. von Wilfried Böhringer. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1985.

De Bry, Theodor: America 1590 –1634. Amerika oder die Neue Welt. Die »Entdeckung« eines Kontinents in 346 Kupferstichen. Bearbeitet und herausgegeben von Gereon Sievernich. Berlin, New York: Casablanca, 1990 (Materialien zur Geschichte der europäischen Expansion 1.1).

Molina Martínez, Miguel: La leyenda negra. Madrid: Nerea, 1991.

Elliott, John H.: The Old World and the New: 1492 –1650. Cambridge: Cambridge University Press, 1970.

Vaca de Osma, José Antonio: El imperio y la leyenda negra. Madrid: Ediciones Rialp, 2004.

Vollet, Matthias: »Das Massaker des Pedro Alvarado in Tenochtitlan (1520) in zeitgenössischen Schilderungen: Ein Baustein zur Leyenda negra als internationale publizistische Schlacht um die Conquista«, in: Christine Vogel (Hrsg.): Bilder des Schreckens. Die mediale Inszenierung von Massakern seit dem 16. Jahrhundert. Frankfurt a. M. und New York: Campus Verlag, 2006. S. 136–148.

Hirt, Katrin: »Der Sacco di Roma 1527 in einer zeitgenössischen italienischen Versflugschrift: Das Massaker und die Einheit der Nation«, in: Christine Vogel (Hrsg.): Bilder des Schreckens. Die mediale Inszenierung von Massakern seit dem 16. Jahrhundert. Frankfurt a. M.: Campus Verlag, 2006. S. 38 –50.

Cillessen, Wolfgang: »Massaker in der niederländischen Erinnerungskultur: Die Bildwerdung der Schwarzen Legende«, in: Christine Vogel (Hrsg.): Bilder des Schreckens: Die mediale Inszenierung von Massakern seit dem 16. Jahrhundert. Frankfurt a. M.: Campus Verlag, 2006. S. 93–135.

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